Ist die Genossenschaftsidee ein "Immaterielles Kulturerbe"?

Stellungnahme von Gerd K. Schaumann, Vorstand des MMW - Bundesverband der Cooperationswirtschaft e.V.  zum Brief von Herrn Wilhelm Kaltenborn an die Deutsche UNESCO Kommission betreffend der Frage, ob die „Genossenschaftsidee“ ein „Immaterielles Kulturerbe“ ist.

Sehr geehrter Herr Kaltenborn,

herzlichen Dank für Ihre Bemühungen, das Genossenschaftswesen in ein anderes Licht zu rücken.  Die Antragsteller scheinen nicht gerade vor Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zu strotzen, denn jemand der von etwas überzeugt ist, würde sich kaum Gedanken darüber man, seine Idee „schützen“ zu lassen.

Aber genau „Schutz und Erhaltung“ stehen an erster Stelle beim UNESCO „Übereinkommen zur Erhaltung immateriellen Kulturerbes“ (17.10.2003). Zum Immateriellen Kulturerbe zählen laut dem Übereinkommen „Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen, Fertigkeiten …“  

Außerdem beinhaltet der Gedanke des Schutzes, dass etwas traditionsgebundenes „verlorengehen“ könnte, nur bewahrt werden könnte, wenn man es in UNESCO-Verzeichnisse einstellt.

Sie haben Recht, Herr Kaltenborn, Genossenschaften sind eigentlich kein „Immaterielles Kulturerbe“, denn Genossenschaften sind – zunächst - lediglich eine Rechtsform, um einen „gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern“ (§ 1 GenG). Dass dieser „Geschäftsbetrieb“ auch „soziale“ und „kulturelle“ Belange inzwischen berücksichtigt, ist bereits Teil seiner Weiterentwicklung, hat nichts mit dem zu tun, was „Raiffeisen“ oder „Schulze-Delitzsch“ seinerzeit bewegte.

Um den Schutz einer „Rechtsform“ kann es also nicht gehen.

Die Antragsteller bezeichnen selbst  – so ihr Antrag –  als „Art des immateriellen Kulturgutes“, eine Anerkennung für „gesellschaftliche Bräuche (jahreszeitliche), Feste und Rituale (Ziff. 1) und fassen darunter dann die Genossenschaftsidee. Irgendwie ungewöhnlich, darin die Genossenschaftsidee als „gesellschaftlichen Brauch, Fest oder gar Ritual zu bezeichnen.

Unter Ziff 8 des Antrages („Risikofaktoren für die Bewahrung des Kulturgutes“) wird es dann besonders interessant, denn hier muss man darlegen, ob „Risikofaktoren“ bestehen, „die Weitergabe, Praxis und Anwendung des Kulturgutes gefährden könnten“.

Logisch, wenn man in die Liste aufgenommen werden will, muss man solche „Risikofaktoren“ benennen können, und mögen sie auch noch so seltsam klingen.

Nach - (Original-) Lesart der Antragsteller – sehen diese u.a. folgende Risiken für die Genossenschaftsidee:

- Ein deutliches Risiko für die Bewahrung der Genossenschaftsidee liegt darin begründet, dass in der Regel nur ältere Personen diese Idee kennen und ihr vertrauen. Forsa-Studien belegen die Abhängigkeit des Bekanntheitsgrades vom Alter und der Bildung
- Ein aktuelles Risiko der Genossenschaftsidee ist in einer drohenden „Verwässerung“ genossenschaftsrechtlicher Inhalte zu sehen. Vorliegende Änderungsvorschläge des Genossenschaftsgesetzes zielen auch auf eine weitere Angleichung der Rechtsform der Genossenschaft an Kapitalgesellschaften
- Zur Förderung der Identifikation mit „ihrer“ Genossenschaft sowie der Genossenschaftsidee ist es notwendig, die zahlreichen Genossenschaftsmitglieder und GenossenschaftsmitarbeiterInnen mit diesem kulturellen Erbe vertraut zu machen. Denn sie wirken nicht nur in die Gesellschaft hinein, sondern sie geben dieses Erbe auch an zukünftige Generationen weiter“.

Es würde sich wirklich lohnen für die Antragsteller, diese „Risiko-Faktoren“ näher zu betrachten, denn sie haben eigentlich nichts mit dem „Kulturgut Genossenschaftsidee“ zu tun. Außerdem bleibt unklar, was es denn eigentlich zu „schützen“ gelte: Eine Struktur (Genossenschaft als Rechtform) oder eine Idee (die besondere Werte wie Teilhabe, Gemeinschaft, Selbsthilfe, etc.).

Will man eine Ideen „schützen“, kann man diese wohl kaum ausschließlich mit Raiffeisen und Schulze-Delitzsch verbinden, die gab es schon vorher. Will man „Struktur“ schützen, würde das wohl nicht über UNESCO gehen.

Die Antragsteller scheinen  – so kommt es im Antrag daher – nicht nachzuvollziehen, dass Werte, wie sie von der Genossenschaftsidee angesprochen werden, alles andere als verlorenzugehen scheinen. Werte wie „Miteinander“, „Kooperation“, „Selbstorganisation“, „Gemeinsinn“, „Transparenz“, „Teilhabe“, etc. haben gerade in letzter Zeit enorm Zulauf erhalten, besomnders auch bei der Jugend. Wenn dennoch genau diese Jugend – bezüglich einer Lösung ihrer Anliegen und Themen – keine Beziehung zum Genossenschaftswesen zu finden scheint, wäre wirkliche Ursachenforschung wahrlich angebracht.

An dieser Stelle wird sehr gut deutlich, dass vielleicht fehlende Fähigkeit und/oder Bereitschaft, sich tiefergehender mit so etwas wie einer vermuteten Distanz der Jugend zur Genossenschaftsidee auseinanderzusetzen, eher zur Selbstkritik führen sollte.

Wer hat da vielleicht was versäumt?

Es besteht absolut kein Anlass zur Befürchtung, dass „die Jugend“ die Werte der Genossenschaftsidee negieren. Ganz im Gegenteil, sie finden diese – wenn auch nicht sofort mit der Bezeichnung „Genossenschaftsidee“ verbunden, aber inhaltlich dennoch synchron damit, höchst faszinierend.

Mehr denn je steht bei jungen Menschen das Miteinander hoch im Kurs!

Fragt man Jugendliche, ob sie lieber „kooperieren“ oder lieber „konkurrieren“ wollen, sind die Aussagen klar: Man möchte gemeinsam etwas bewegen, etwas „Nützliches“ mit TeamGeist realisieren.

Was bitte droht bei der Jugend verloren zu gehen, was nicht originär Inhalt der Genossenschaftsidee war und noch immer ist?

Anders wird die Einschätzung bei den Jugendlichen jedoch, wenn man sie fragt, ob sie die Genossenschaft als die für sie geeignete „Umsetzungs-Struktur“ halten.

Jetzt werden die Antworten zögerlich bis zurückhaltend. Auch wenn diese Antworten uns nicht zu gefallen scheinen, sie sollten uns alle nachdenklich und zugleich erfreut machen.

Warum nachdenklich? Sie berühren vielleicht den „Nerv“ derjenigen, die bisher meinten, alles in Sachen Genossenschaftswesen richtig gemacht zu haben. Sicherlich, sie haben engagiert und korrekt Unternehmen betreut, beraten oder geprüft. Sie haben viel Wert darauf gelegt, ihre „Unentbehrlichkeit“ zu demonstrieren. Sie haben sich mehr als „Verwalter“ des Genossenschaftswesens gesehen, denn als deren Innovatoren und Gestalter. Lesen wir die Geschäftsberichte der „Genossenschaftsverbände“ und der Widerspruch dürfte verstummen, schauen wir die Forschungsthemen von wissenschaftlichen Instituten des Genossenschaftswesens und gebe sie Jugendliche als Lektüre, die Resonanz wäre ernüchternd.

Gleichwohl sollte uns die grundlegend positive Grundhaltung der Jugend zu den WERTEN der Genossenschaftsidee erfreuen, denn das zeigt eindeutig, dass keine Sorge bestehen muss, dass ein „Kulturgut“ – genannt „Genossenschaftsidee“ verlustig geht. Und wo kein „Risiko“ besteht, besteht folglich auch kein „Schutzbedürfnis“.

Die WERTE, die die „Genossenschafts-Idee“ verkörpert stehen bei der jungen Generation ganz obenan. Sogar jede Grundschullehrerin kann das bestätigen, wie stark Gruppengeist und Gruppenarbeit Schüler fasziniert.

Was mag die Antragsteller, was mag die Gruppe der unterstützenden „Honoratioren“ nun wirklich dazu bewogen haben, die Genossenschaftsidee als „schutzbedürftig“ zu definieren.

Ein Blick in die „Unterstützer-Liste“ zeigt, es befinden sich viele gestandene Politiker darunter, die es eigentlich hätten besser wissen müssen. Bürgermeister wissen z.B. sehr gut, wie sehr WERTE des Genossenschaftswesens z.B. in der Vereinsarbeit ihre Realisierung erfahren.

Sie wissen aber auch um die abnehmende Haltung, sich parteipolitisch zu engagieren. Keiner käme deshalb auf den Gedanken, z.B. die Ideen von Ludwig Erhard als „Immaterielles Kulturgut“ schützen zu lassen, nur weil die Idee der Sozialen Marktwirtschaft immer weniger der politischen Realität entspricht.

Halten wir fest, dass die damals von Raiffeisen und Schulze-Delitzsch verkörperten WERTE, die sie in das einbanden, was bis heute als Genossenschafts-Idee bekannt ist, gut verankert im Gefühl der meisten Menschen und Jugendlichen ist, dann stellt sich nur noch die Frage, weshalb es nicht gelingen mag, diese WERTE nicht positiv mit der Struktur bzw. Rechtsform einer Genossenschaft zu verbinden. Der augenscheinliche Bruch liegt offensichtlich an der Nahtstelle zwischen WERTEN und der organisierten Umsetzung mittels dem, was als „Rechtsform Genossenschaft“ bezeichnet wird.

Wenn etwas schützen wäre, dann vielleicht die Struktur, ganz sicher aber nicht die WERTE-IDEE.

Es gibt so etwas wie ein „kooperatives Gen“, wie Prof. Bauer dies sehr schön ausdrückt. Menschen möchten gemeinsam etwas bewegen und sie integrieren quasi automatisch alle Werte, die dem Genossenschaftswesen wichtig sind, ganz von selbst …

Dies könnte/sollte Genossenschaftsverbände ins „Grübeln“ bringen.

Die WERTE der IDEE, die man als „schutzbedürftig“ sieht, haben einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft, Tendenz eher steigend, keine Spur von „Schutzbedürfnis“ erkennbar.

Die FORM, in der diese WERTE gemeinhin jedoch umgesetzt werden, also die „Rechtsform Genossenschaft“ steht im Gegensatz dazu eher „schutzbedürftig“ aus, was allerdings wohl kein „Immaterielles Kulturgut“ sein dürfte.

Woran mag es also liegen, dass das Genossenschaftswesen (nicht die IDEE!) so „müde“ daher kommt, nicht nur bei Jugendlichen so wenig zu „punkten“ weiß?

Nun es ist wohl eine Tatsache, dass Raiffeisen und Schulze-Delitzsch ihre IDEE noch ohne die Unterstützung entsprechender Verbände realisieren mussten.

Das wurde erst später anders und ist heute sehr professionell und wirtschaftsstark ausgeformt.

Daraus irgendwelche Zusammenhänge erkennen zu wollen, wurde bisher wohl noch nicht untersucht.

Dennoch könnte es lohnen, ebensolches nachzuholen, denn das erst würde Gewissheit bringen, ob wirklich die IDEE oder die „STRUKTUR“ das Problem sind.

Fragt man junge Menschen, warum sie keine „Faszination“ für (die Struktur) Genossenschaften haben, dann kommen oft Antworten daher wie, „zu bürokratisch“.

Erst in der Kombination von Genossenschaft (als Rechtsform) und Werten für die (auch oder besonders) das Genossenschaftswesen steht, gibt es offensichtlich so etwas wie „Brüche“.

Interessant wäre es herauszufinden, weshalb dieser „Bruch“ in vielen europäischen Ländern nicht besteht. Eine Zahl möge das verdeutlichen: Würde man die Anzahl von Genossenschaften in der Schweiz auf Deutschland übertragen, müsste Deutschland über 140.000 (!) Genossenschaften haben, Hat es aber nicht. Es sind lediglich mehr als 8.000 (!).

Was wir in Deutschland dringender brauchen als eine „Verfalls-Sicherung“ der Genossenschafts-Idee, ist zeitgemäßes Ideengut, wie man die WERTE der Genossenschafts-IDEE sozusagen in die Rechtform Genossenschaft „fließen“ lässt, ohne dabei so etwas wie FAZINATION an der IDEE zur Disposition zu stellen.

Die Genossenschafts-Verbände in Deutschland scheinen hier eine Art „Bring-Schuld“ zu haben.

Es ist interessant der Frage nachzugehen, weshalb viele Startups – die eigentlich gedanklich alle Elemente der Genossenschafts-Idee integrieren – nicht zu Gründungen von Genossenschaften führen?

So gesehen muss man den Antragstellern eigentlich Lob zollen, sie haben es möglicherweise nicht geschafft in die „UNESCO Weltkulturerbe“ zu kommen, aber sie haben es möglicherweise geschafft, dass endlich in Deutschland in Sachen „Kooperation und Genossenschafts-Idee“ sich eine neue – zumindest gedankliche - Bewegung sich entzünden kann.

Herrn Kaltenborn sei gewünscht, dass er mit seiner Initiative, für die er sicherlich von vielen „Funktionsträgern des Genossenschaftswesens“ gerügt wurde, einen Anstoß gegeben hat, endlich so etwas wie ein „Modernes Genossenschafts- oder Kooperationswesen“ in Deutschland entstehen zu lassen.

Die Zeiten stehen dafür besser, als die Antragsteller dies vermuten. Immer mehr Menschen suchen eine Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik, die das „Miteinander“ im Zoom hat, sozusagen eine Alternative zum „Gegeneinander“. Sie suchen jedoch keine Scheinlösungen, sie suchen dazu ein Gesamtsystem mit Namen „Integrität“.

Das Genossenschaftswesen hat beste Chancen, maßgeblich die (wirtschaftliche) Zukunft in Deutschland mitzugestalten. Das wird jedoch nur gelingen, wenn diese Menschen so etwas wie „FASZINATION“ mit dem Begriff „Genossenschaft“ (auch als Struktur) verbinden können.

Ein Genossenschaftswesen, das befreit von seinen – selbst auferlegten – Fesseln ist, benötigt keinen Schutz. Ein Genossenschaftswesen, das FASZINATION glaubwürdig bis in die „Haarspitzen der Funktionäre“ verkörpert, wird genug „Wir-Kraft“ entfalten können, und alles von dem widerlegen,  was die Antragsteller als „schutzbedürftig“ ansahen.

Das Genossenschaftswesen benötigte so etwas wie einen „Wir-Codex“ oder einen „Entwurf für eine Gesellschaft des Miteinanders“. Dabei haben „Risko-Ängste“ eher eine kontraproduktive Funktion, sie signalisieren eher „Schwäche“ statt „Selbstbewusstsein und Überzeugung“.

Es wird dabei auch darauf ankommen, dass die Verbände im Genossenschaftwesen bereit sind auch ihre eigene „Politik“ auf den „Prüfstand“ zu stellen.

Wie also sollte ein Modernes Kooperationswesen für Deutschland aussehen. Bitte jetzt keine „Selbstverteidigung“ oder „Schuldzuweisung“. Jetzt ist die Zeit für selbstbewusste ENTWÜRFE für eine Miteinandergesellschaft. Dazu bedarf es keiner „Sonntagsreden“, keines Wartens auf ein neues UN-Jahr. Der Slogan „Genossenschaften – Ein Gewinn für alle“, war durchaus sinnvoll, aber wie bitte war das dann folgende „realhistorische Handeln“, des Staates, der Politiker, der Verbände, der Funktionäre?

Herr Kaltenborn, wie wäre es, wenn Sie sich nochmals „unbeliebt“ machen würden und einen weiteren Band herausbringen. Ich würde Ihnen einen Bestseller wünschen, der vielleicht den Namen tragen könnte „Miteinander bewegt Deutschland“. Und im Untertitel könnte vielleicht stehen: „Die alten Ideen von Raiffeisen und Schulze-Delitzsch in neuem Gewand“. So etwas könnte dann wohl endgültig der beste Beweis sein, dass wirklich kein „Schutzbedürfnis der Genossenschafts-Idee“ besteht. Der Antrag wäre damit entweder „obsolet“ oder würde sich nachträglich als „Irrtum“ darstellen.

Mit herzliche Grüßen                                                                  

Gerd K. Schaumann

Vorstand im MMW - Bundesverband der Cooperationswirtschaft e.V. 

Dessau-Roßlau / Berlin im Oktober 2015

 

    

   

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