Geschichtszeugnis oder Lagerfläche

Denkmalschutz in Hamburg

Der Hamburger Hafen soll um das Dreifache wachsen und braucht Platz für Lagerflächen. Dafür soll ein Gebäudekomplex der Arbeiterbewegung aus der Weimarer Republik größtenteils weichen. von Lena Kaiser

HAMBURG taz | In Hamburg droht der Abriss eines bedeutenden Geschichtszeugnisses: Die ehemaligen Fabrik- und Lagerhallen der Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Consumvereine (GEG) auf der Peute gelten als einmaliges Baudenkmal der Arbeiterbewegung, von dem aus die Konsumgenossenschaft mit Lebensmitteln und anderen Waren versorgt wurde.

Um zu verhindern, dass ein Großteil der GEG dem Erdboden gleichgemacht wird, rufen ProfessorInnen, DenkmalschützInnen und Kulturschaffende die Hamburger Hafenbehörde (HPA) in einem offenen Brief auf, das Vorhaben zu überdenken. Die HPA will auf dem Gelände Lagerhallen bauen. Vom Gebäudekomplex aus der Weimarer Republik, sollen nur zwei Gebäude übrig bleiben.

Der Initiative war im November ein Appell der Architektenkammer vorausgegangen, das Industrie-Ensemble vollständig zu erhalten. Wegen des Hafenentwicklungsplans, der vorsieht, dass der Hamburger Hafen um das Dreifache wachsen soll, haben die Belange der Hafenwirtschaft Vorrang. Und obwohl der gesamte Gebäudekomplex aus Sicht des Denkmalschutzes ein „herausragendes und gut erhaltenes Zeugnis der Hamburger Industriearchitektur“ darstellt und der Erhalt der stadt- und sozialgeschichtlich wichtigen Gebäude demnach im öffentlichen Interesse liegt, hat der SPD-Senat einen Großteil der Gebäude zum Abriss freigegeben.

„Die Maßnahme war erforderlich, um die Fläche im öffentlichen Interesse für Hafenzwecke entwickeln und nutzen zu können“, erklärt der Senat in einer Kleinen Anfrage. Bereits im vergangenen Jahr hatte die HPA begonnen, die Gebäude abzureißen – bis sie vom Denkmalschutzamt gestoppt wurde. Das leitete zu spät die Unterschutzstellung ein.

Denn die HPA hatte bereits das ehemalige Wohlfahrtsgebäude des genossenschaftlichen Betriebs mit den Sozialräumen und die Spirituosenfabrik abgerissen. Heute verkauft die Kulturbehörde den Erhalt von zwei Gebäuden als guten Kompromiss. „Damit haben wir erreicht, was zu erreichen war“, sagt Sprecher Enno Isermann.

Jürgen Bönig vom Museum der Arbeit vermutet hinter den Abriss-Plänen „Symbolpolitik auf Kosten des kulturellen Erbes der Arbeiterbewegung“. „Die Entscheidung, vor der Novellierung des Denkmalschutzgesetzes das halbe Gelände abzuräumen, ist letzten Endes nicht von der HPA getroffen worden, sondern vom Senat“, sagt er.

Mit dem neuen Denkmalschutzgesetz sollen Hamburger Denkmäler künftig besser geschützt werden. Mit der Entscheidung für den Abriss habe die Hafenwirtschaft vorsorglich den Flächenbedarf gegenüber der Kulturbehörde durchgesetzt, glaubt Bönig. Der Senat bestreitet den Zusammenhang.

Die Kulturbehörde hatte zuvor geprüft, ob die Gebäude als Standort für ein Zentrallager für die Hamburger Museen, den sogenannten Kulturspeicher, infrage kommt. Derzeit werden die Ausstellungsstücke an 15 verschiedenen Orten in der ganzen Stadt gelagert. Der Senat hält die Fläche für zu klein und den Umbau für zu teuer.

Norbert Hackbusch, stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion, hält den Gebäudekomplex dagegen für gut geeignet, wenigstens einen Teil des Kulturspeicherbedarfs für die Museen abdecken. Er bezweifelt außerdem, dass der Abriss der Gebäude mit rechten Dingen zugegangen ist. „Wir haben den Eindruck, dass die Abrissarbeiten zum Teil illegal waren.“

Die GEG-Gebäude

Die Gebäude wurden in der Weimarer Republik ab 1925 gebaut, um dort das Zentrallager und die Fabrikgebäude der Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Consumvereine (GEG) unterzubringen.

Die GEG war eine zentrale Errungenschaft der Arbeiterbewegung, die sich neben Partei und Gewerkschaft auf die Genossenschaften stützte. Sie war eine der reichsweiten genossenschaftlichen Gesellschaften.

In den Fabriken wurden Lebensmittel, Shampoo, Wasch-und Pflegemittel für die Konsumläden hergestellt, um die Arbeiter mit qualitativ hochwertigen und günstigen Produkten zu versorgen. Es gab eine Margarinefabrik, eine Kaffeerösterei, eine Großdruckerei, eine Papierwarenfabrik und eine Blechdruckerei, in der Dosen gefertigt wurden.

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 Quelle: taz die tageszeitung, 14.01.2013, Verfasserin des Beitrages Lena Kaiser

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